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Pascal Reischl

· Beitrag

Anderthalb Jahre stand der Tandemsprung auf meiner Liste

Anderthalb Jahre stand der Tandemsprung auf meiner Liste. Was eine Irgendwann-Vielleicht-Liste von einem Ideengrab unterscheidet und wie du sie führst.


In einer Trainingspause hat mir jemand erzählt, ich müsse unbedingt einen Paragleiter-Tandemsprung machen, das sei das Beste überhaupt. Ich fand die Idee mittelmäßig. Aufgeschrieben habe ich sie trotzdem, und sie ist auf meiner Irgendwann-Vielleicht-Liste gelandet.

Dort stand sie anderthalb Jahre. Ich habe sie jeden Monat gesehen, jedes Mal kurz überlegt, und jedes Mal stehen lassen. Bis zu dem Monat, in dem der Gedanke kam: entweder ich lösche das jetzt, oder ich mach es.

Ich habe ein Projekt daraus gemacht. Es hieß „Tandemsprung absolvieren, ohne einen Kurs zu buchen”, weil ich mich kenne. Fünf Minuten nach dem ersten Schritt stand ich auf der Website einer Flugschule beim erweiterten Kurs für Grenzüberflüge und war kurz davor, ihn zu buchen. Ich konnte gerade noch abbiegen. Beim ersten Anlauf habe ich dann vier Stunden auf Wind gewartet und bin unverrichteter Dinge heimgefahren, zwei Wochen später hat es geklappt.

Das ist keine Geschichte über Fallschirme. Es ist eine über eine Liste, die genau das macht, wofür sie gebaut ist.

Wozu die Liste existiert

Sie hält das Erfassen billig.

Wenn jede aufgeschriebene Idee eine Verpflichtung wäre, würdest du irgendwann aufhören, Ideen aufzuschreiben. Und genau das passiert. Ich habe in Coachings regelmäßig Sätze gehört wie: Ich weigere mich innerlich, noch mehr aufzuschreiben, weil ich das ja dann alles auch verarbeiten und vorantreiben muss.

Das ist am verkehrten Ende gespart. Erfassen muss die einfachste Handlung im ganzen System bleiben, weil alles andere darauf aufbaut. Wer aufhört zu sammeln, hat kein vollständiges Bild mehr, und der Kopf merkt das sofort und übernimmt wieder selbst.

Die Irgendwann-Vielleicht-Liste ist der Ort, an dem eine Idee existieren darf, ohne dass du dich zu ihr verpflichtest. Das ist ihr ganzer Zweck, und er ist größer, als er klingt.

Was den Unterschied zum Ideengrab ausmacht

Der Begriff stammt aus einer unserer Sessions, ein Teilnehmer hat ihn benutzt, und er beschreibt das Risiko exakt: eine Liste, auf der Dinge landen und nie wieder angesehen werden. Wenn das der Fall ist, kannst du sie auch ausdrucken und wegwerfen. Der Effekt ist derselbe.

Der Unterschied zwischen einer funktionierenden Liste und einem Grab besteht aus genau einer Sache: einem Termin.

Ich sehe meine einmal im Monat durch. Nicht gründlich, ich fliege drüber. Bei jedem Punkt gibt es drei Möglichkeiten: löschen, stehen lassen, aktiv machen. Das dauert bei mir wenige Minuten. Wo dieser Durchgang im größeren Ablauf sitzt, steht im Weekly Review.

Manche legen sich dafür bewusst Kreativzeit in den Kalender, was ich gut finde, weil der Durchgang dann nicht nach Systempflege aussieht, sondern nach dem, was er ist: die einzige Gelegenheit, bei der du dich mit Dingen beschäftigst, die niemand von dir verlangt.

Das schlechte Gewissen beim Stehenlassen

Diesen Teil musste ich lange lernen. Wenn ich über die Liste fliege und einen Punkt unangetastet stehen lasse, brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben.

Lange hatte ich eines. Das sind ja unerledigte Dinge, dachte ich, und jedes Mal, wenn ich daran vorbeigelesen habe, war da dieses kleine Ziehen. Genau an diesem Punkt geben die meisten die Liste auf, weil ein monatlicher Termin mit schlechtem Gewissen keine Gewohnheit wird.

Der Denkfehler liegt in der Kategorie. Ein Punkt auf Irgendwann-Vielleicht ist keine unerledigte Aufgabe. Er ist eine Option. Und Optionen darf man Monat für Monat ausschlagen, ohne dass daraus ein Versäumnis wird. Beim Tandemsprung waren es achtzehn Mal.

Was auf die Liste gehört

Drei verschiedene Sorten, die oft durcheinandergehen.

Echte Irgendwann-Ideen. Der Sprachkurs, die Reise, das Buchprojekt, der Tandemsprung. Dinge, die du vielleicht willst, aber jetzt nicht.

Ruhende Projekte. Vorhaben, die begonnen sind oder anstehen, an denen sich aber seit Wochen nichts bewegt und in den nächsten vier oder fünf Wochen auch nichts bewegen wird. Die gehören nicht auf die aktive Projektliste, wo sie jede Woche eine Einzelprüfung mit schlechtem Gewissen auslösen. Bei vierzig aktiven Projekten sind das erfahrungsgemäß zehn bis fünfzehn.

Alles, wo nichts passiert, wenn du es vergisst. Das Kriterium stammt von einem Teilnehmer und ist das brauchbarste, das ich kenne. Wenn du morgen aus dem Haus gehst und die Sache vergisst, passiert nichts. Es soll trotzdem irgendwo stehen. Genau dafür ist die Liste da.

Der Backlog als Zwischenstufe

Viele nutzen Irgendwann-Vielleicht ausschließlich für private Ideen, Urlaubsträume und Dinge, die Spaß machen. Wenn du dann ein ruhendes Firmenprojekt auf dieselbe Liste legst, fühlt sich das falsch an, und die Liste verliert ihren Charakter.

Die Lösung, die einige gebaut haben: eine dritte Liste zwischen aktiven Projekten und Irgendwann-Vielleicht. Aus dem Programmiererjargon hat sich dafür der Name Backlog eingebürgert. Dort liegen Projekte, die real sind und irgendwann laufen werden, aber gerade ruhen. Keine Träume, nur pausiert.

Ob du das brauchst, hängt davon ab, wie deine Irgendwann-Vielleicht-Liste sich anfühlt. Wenn du zögerst, ein Projekt daraufzulegen, brauchst du sie. Welche Listen sonst noch dazugehören, steht in GTD Listen: welche du wirklich brauchst.

Beim Verschieben den nächsten Schritt sichern

Ein praktisches Detail, das oft übersehen wird und beim Reaktivieren Zeit spart.

Wenn ein Projekt aus dem aktiven Bereich verschwindet, wird sein nächster Schritt von der Kontextliste gelöscht. Er soll dort nicht mehr auftauchen, sonst ist die Verschiebung wirkungslos.

Aber lösch ihn nicht ersatzlos. Schreib ihn ins Unterstützungsmaterial des Projekts, in die Notiz, in die Trello-Karte, wo auch immer das Projekt seine Ablage hat. So steht dort später: Das war der Stand, das wollte ich als Nächstes tun.

Wenn du das Projekt in acht Monaten wieder aktivierst, willst du es zwar ohnehin neu durchdenken. Aber du startest dann von einem Punkt aus, an dem schon einmal jemand nachgedacht hat, nämlich du.

Bewusst löschen ist kein Scheitern

Beim letzten Durchgang habe ich zwei Punkte gelöscht. Sie standen seit drei Wochen dort, sie waren mir am Anfang wichtig, und beim Draufschauen wurde klar: Ich bin nicht dazu gekommen, weil anderes wichtiger war, und das wird in den nächsten fünf Wochen auch so bleiben. Also weg.

Der entscheidende Teil daran ist nicht das Löschen. Es ist, dass die Sachen drei Wochen dort standen und ich jedes Mal die Chance hatte zu entscheiden, ob ich sie will. Das ist der Unterschied zwischen einer bewussten Absage und dem Vergessen.

Vergessene Dinge kommen zurück, meistens nachts. Abgesagte nicht.

Die Liste als Erlaubnis

Ein Nutzen, den ich vorher nicht auf dem Schirm hatte und der aus derselben Runde kam.

Eine Teilnehmerin beschrieb, dass sie dazu neigt, Dinge für sich selbst nicht zu machen. Die Gelegenheit ist da, und dann kommt der Reflex: ach nein, lieber nicht, ist zu teuer, ist übertrieben, brauche ich nicht.

Was für sie den Unterschied macht, ist die Tatsache, dass das Ding auf ihrer Irgendwann-Vielleicht-Liste steht. Sie kann dann vor sich selbst argumentieren: Darüber habe ich schon einmal nachgedacht. Es war mir wichtig genug, um aufgeschrieben zu werden. Also mache ich es jetzt auch.

Die Liste ist damit nicht nur eine Ablage, sondern eine Erlaubnis, die du dir zu einem Zeitpunkt erteilt hast, an dem du klarer warst als in dem Moment, in dem du zögerst. Das ist ein guter Grund, sie zu führen, auch wenn nie ein einziger Punkt davon aktiviert wird.

Woran es typischerweise scheitert

  • Kein Durchgang. Ohne festen Termin ist es ein Grab, und dein Kopf traut ihm innerhalb weniger Wochen nichts mehr an.
  • Die Liste wird zum zweiten Eingang. Wer alles Unklare dorthin schiebt, statt es zu klären, hat den Eingang nur umbenannt. Auf die Liste kommt, was entschieden ist, nämlich: jetzt nicht.
  • Zu viele Kategorien. Wer sechs verschiedene Vielleicht-Listen anlegt, geht keine mehr durch. Eine, maximal zwei mit einem Backlog daneben.
  • Alles bleibt ewig stehen. Wenn du seit einem Jahr nichts gelöscht und nichts aktiviert hast, ist der Durchgang eine Formalität geworden. Zwei Punkte pro Durchgang, bei denen wirklich eine Entscheidung fällt, reichen als Lebenszeichen.

Häufige Fragen

Was gehört auf eine Someday-Maybe-Liste?

Ideen, die du vielleicht einmal umsetzen willst, Projekte, die real sind aber gerade ruhen, und alles, wo nichts passiert, wenn du es vergisst, das aber trotzdem irgendwo stehen soll.

Wie oft sollte ich die Someday-Maybe-Liste durchgehen?

Einmal im Monat reicht, als Überfliegen mit drei möglichen Entscheidungen pro Punkt: löschen, stehen lassen, aktivieren. Ohne diesen festen Termin wird die Liste zum Ideengrab, dem niemand mehr etwas anvertraut.

Was ist der Unterschied zwischen Someday Maybe und einem Backlog?

Auf Someday Maybe stehen Optionen ohne Verbindlichkeit, oft privat und ideenhaft. Ein Backlog enthält reale, aber pausierte Projekte. Die Trennung lohnt sich, wenn du zögerst, ein Firmenprojekt auf dieselbe Liste zu legen wie eine Urlaubsidee.

Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn Dinge jahrelang dort stehen?

Nein. Ein Punkt auf dieser Liste ist keine unerledigte Aufgabe, sondern eine Option, die du regelmäßig ausschlägst. Bei mir stand ein Vorhaben anderthalb Jahre, bis der richtige Moment kam.

Was passiert mit dem nächsten Schritt, wenn ein Projekt auf Someday Maybe wandert?

Von der Kontextliste löschen, sonst wirkt die Verschiebung nicht. Vorher aber im Unterstützungsmaterial des Projekts notieren, damit beim Reaktivieren der letzte Denkstand vorhanden ist.


Öffne deine Irgendwann-Vielleicht-Liste und schau nach, wann du zuletzt einen Punkt gelöscht oder aktiviert hast. Findest du keinen, führst du kein Ventil, sondern ein Archiv.

Wenn deine Listen an mehreren Stellen gleichzeitig klemmen, lohnt der Blick aufs Ganze statt auf eine Liste. Genau das ist das Sparring. Schreib mir, wenn du das einmal sortieren willst.

Themen: Getting Things Done, Someday Maybe, Projektliste, Wochenrückblick

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