· Beitrag
Zwei Wochen vor der Reise war das Wohnmobil Schrott
Zwei Wochen vor der Reise war das Wohnmobil Schrott. Im Projektplan kam das Wort Wohnmobil nicht vor. Wie die fünf Schritte des NPM festgefahrene Projekte lösen.
Es sollte der große Vater-Sohn-Urlaub werden. Vielleicht der letzte in dieser Konstellation, bevor mein Sohn in ein Alter kommt, in dem er andere Pläne hat. Alles vorbereitet, Route grob im Kopf, Termin fix. Dann der Totalschaden am Wohnmobil.
Die erste Reaktion war keine methodische. Frust, ein bisschen Panik, und dieses Gefühl von Stillstand, in dem man zwar viel denkt, aber nichts entscheidet.
Was mich rausgeholt hat, war ein Blick in mein eigenes Projekt-Setup. Und dort fiel mir auf, dass in der gesamten Planung das Wort Wohnmobil nicht ein einziges Mal vorkam. Der Zweck, den ich mir notiert hatte, war Zeit mit meinem Sohn und Abenteuer erleben. Das Wohnmobil war nie das Ziel gewesen, es war ein Transportmittel.
Wir sind dann mit Rucksäcken durch den Norden gereist. Rückblickend besser als der ursprüngliche Plan.
Warum das kein Glücksfall war
Der Grund, warum ich in dieser Situation nicht wochenlang festgesteckt bin, ist banal: der Zweck stand aufgeschrieben. Nicht im Kopf, sondern lesbar, an einem Ort, an dem ich in einem Moment der Panik hingeschaut habe.
Wer den Zweck nur im Kopf hat, verwechselt ihn mit dem Weg. Und wenn der Weg wegbricht, fühlt sich das an, als wäre das Ziel weg. Genau das passiert in Firmen jede Woche. Der Dienstleister fällt aus, die Software liefert nicht, was versprochen war, ein Schlüsselmensch kündigt. Dann wird versucht, den Plan zu retten, statt zu fragen, welcher andere Weg denselben Zweck erfüllt.
Der Test dafür ist einfach und unangenehm: schau auf deine Projektnamen. Steht dort ein Ergebnis oder ein Vehikel?
“Salesforce einführen” ist ein Vehikel. “Neue Website” ist ein Vehikel. “Wohnmobilurlaub planen” ist ein Vehikel. Wenn das Vehikel im Projektnamen steht, hast du dich auf einen Weg festgelegt, bevor du das Ziel formuliert hast, und niemand im Team weiß, wofür der Aufwand gut ist.
Die fünf Schritte, in der Reihenfolge, in der dein Kopf sie ohnehin macht
Das Natürliche Planungsmodell heißt so, weil dein Gehirn Vorhaben von Natur aus in dieser Reihenfolge angeht. Beim Entschluss, mit Freunden essen zu gehen, macht das jeder ohne nachzudenken: erst der Zweck (wir wollen einen schönen Abend), dann das Bild (italienisch, nicht zu laut), dann die Ideen (drei Lokale fallen dir ein), dann die Ordnung (Tisch reservieren, wer holt wen ab), dann der erste Schritt (anrufen).
1. Sinn und Leitprinzipien. Warum machen wir das, und was sind die Standards dabei? Der Zweck ist der eine Satz, der auch dann noch gilt, wenn der Plan kippt.
Die Leitprinzipien sind der unterschätzte Teil. Die brauchbarste Frage dazu lautet: was müsste passieren, damit mich dieses Projekt in den Wahnsinn treibt? Die Antworten sind die Regeln. “Ich will nicht am Abend vorher noch packen.” “Niemand aus dem Team arbeitet dafür am Wochenende.” “Wir wollen dabei Spaß haben” ist ein völlig legitimer Standard, auch beruflich.
2. Vision. Wie sieht das Ergebnis aus, wenn es gut gelaufen ist? Nicht als Zielvorgabe, sondern als Bild. Was sehe ich, was höre ich, was sagen die Leute?
Das klingt esoterischer als es ist. Der praktische Nutzen: solange das Bild fehlt, kann niemand beurteilen, ob eine Idee taugt oder nicht. Teams, die ohne Vision arbeiten, diskutieren jede Detailfrage von Grund auf neu.
3. Brainstorming. Alles raus, was im Kopf ist, ohne Bewertung. Der häufigste Fehler ist, gleichzeitig zu sammeln und zu beurteilen. Dann bremst du dich bei jedem dritten Gedanken selbst und die guten Ideen, die zuerst blöd klingen, kommen nie aufs Papier.
Papier funktioniert dafür meistens besser als ein Tool, weil keine Struktur vorgegeben ist. Im Team: erst jeder still für sich schreiben, dann einsammeln. Sonst setzt sich durch, wer am schnellsten spricht, und nicht, wer den besten Gedanken hat.
4. Organisieren. Erst jetzt wird sortiert. Was gehört zusammen, was hängt von was ab, was ist Reihenfolge und was ist parallel.
5. Nächste Schritte. Die allererste physische Handlung, die du jetzt tun kannst. Bei einem Projekt mit mehreren Strängen kann es mehrere geben, je einen pro Strang, aber jeder muss konkret sein. “Recherche” ist keine Handlung. “Drei Anbieter aus dem Branchenverzeichnis raussuchen” schon.
Der wichtigste Punkt: du brauchst das nicht für jedes Projekt
Hier scheitern die meisten Anläufe. Wer versucht, seine sechzig offenen Projekte durch fünf Stufen zu prügeln, hört nach dem vierten auf und hält das Modell für Bürokratie.
Die überwiegende Mehrheit der Projekte braucht genau zwei Dinge: ein formuliertes Ergebnis und einen definierten nächsten Schritt. Damit läuft das. Das vollständige Modell ist das Werkzeug für die Projekte, die sich schwammig anfühlen, an denen sich nichts bewegt oder bei denen etwas kaputtgegangen ist.
Zwei bis fünf solche Projekte hat man üblicherweise gleichzeitig. Für die lohnt sich eine Stunde.
Diagnose: an welchem Schritt hängt es
Wenn ein Projekt feststeckt, sagt dir das Symptom, welcher Schritt fehlt.
| Was du merkst | Was fehlt |
|---|---|
| Endlose Diskussionen, jede Entscheidung wird neu aufgerollt | Sinn und Zweck |
| Alle arbeiten, aber niemand weiß, ob das Ergebnis reicht | Vision |
| Das Gefühl, etwas Wichtiges zu vergessen | Brainstorming, nicht alles ist draußen |
| Viele Ideen, kein erkennbarer Weg | Organisieren |
| Es fühlt sich klar an, aber nichts bewegt sich | Nächster Schritt |
Daraus folgt eine Faustregel, die fast immer trägt: braucht das Projekt mehr Klarheit, geh nach oben, also zu Zweck und Vision. Braucht es mehr Bewegung, geh nach unten, also zum nächsten Schritt. Die Mitte, also Brainstorming und Organisieren, ist selten das Problem.
Der unnatürliche Weg, den die meisten gehen
Das Gegenstück zum natürlichen Modell ist keine schlechtere Planung, sondern gar keine. Man startet direkt bei Schritt fünf, arbeitet Handlung für Handlung ab und hofft, dass sich der Sinn unterwegs ergibt.
Das funktioniert bei kleinen Vorhaben und ist bei großen der Grund, warum Projekte im dritten Monat plötzlich zäh werden. Nicht weil die Leute weniger können, sondern weil niemand mehr sagen kann, wofür das gut sein soll, und motivierte Leute genau darauf angewiesen sind.
Wer einmal in einer Firma gefragt hat, warum ein Rollout eigentlich läuft, kennt die Antworten. Vier verschiedene, von fünf Leuten.
Woran es typischerweise scheitert
Der Zweck bleibt im Kopf. Ein Zweck, der nicht aufgeschrieben ist, hilft in der Krise nicht, weil du in der Krise nicht in Ruhe nachdenkst. Aufschreiben, an das Projekt hängen, fertig.
Das Warum wird einmal in der Kickoff-Folie gesagt und nie wieder. Nach drei Monaten kennt es die Hälfte des Teams nicht mehr, und die neuen Leute haben es nie gehört.
Brainstorming mit gleichzeitiger Bewertung. Kostet die Hälfte der Ideen und die interessantere Hälfte.
Das Modell wird auf alles angewendet. Dann wird aus einem Klärungswerkzeug ein Ritual, und Rituale hält niemand lange durch.
Häufige Fragen
Was ist das Natürliche Planungsmodell in GTD?
Ein Planungsablauf in fünf Schritten: Sinn und Leitprinzipien, Vision, Brainstorming, Organisieren, nächste Schritte. Es heißt natürlich, weil das Gehirn Vorhaben von sich aus in dieser Reihenfolge angeht, solange es nicht daran gehindert wird.
Muss ich alle fünf Schritte für jedes Projekt durchgehen?
Nein. Die meisten Projekte brauchen nur ein formuliertes Ergebnis und einen nächsten Schritt. Das vollständige Modell ist für Projekte gedacht, die feststecken, sich schwammig anfühlen oder deren Plan gekippt ist.
Was mache ich, wenn ein Projekt feststeckt?
Prüfen, ob Klarheit oder Bewegung fehlt. Bei fehlender Klarheit zurück zu Zweck und Vision, bei fehlender Bewegung den nächsten physischen Schritt definieren. Das Symptom zeigt die Richtung.
Warum sollte ich den Zweck eines Projekts aufschreiben?
Weil er der einzige Teil des Plans ist, der auch dann noch gilt, wenn der Weg wegbricht. Wer den Zweck nur im Kopf hat, verwechselt ihn mit dem gewählten Weg und hält das Projekt für gescheitert, wenn nur das Vehikel ausgefallen ist.
Nimm dir das Projekt, an das du gerade am wenigsten gern denkst, und schreib in einem Satz auf, wofür es gut sein soll. Wenn dir dieser Satz nicht einfällt, weißt du, warum es sich so anfühlt.
Themen: Getting Things Done, Natürliches Planungsmodell, Projektplanung, Brainstorming