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Als ich mit GTD angefangen habe, wusste ich nicht, warum ich auf dem Planeten bin
Die GTD Horizonte baust du von unten nach oben. Vier Warum-Fragen führen von einer Aufgabe auf deiner Liste bis zu deiner Vision.
Ich bin bei GTD gelandet, weil ich in Arbeit untergegangen bin. Nicht, weil ich wissen wollte, wofür es mich auf diesem Planeten gibt. Über die Frage hatte ich damals nie nachgedacht. Genau daran sind für mich mehrere andere Produktivitätsmethoden gescheitert: Man schlägt das Buch auf, und bevor irgendetwas Praktisches passiert, soll man erst einmal formulieren, wozu man da ist. Danach geht es darum, wie man dorthin kommt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ein Postfach, das mir über den Kopf gewachsen war, und keine Ahnung, was am Montag als Erstes dran ist.
Bei den meisten, die anfangen, ist es genauso. Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, man müsse die oberen Ebenen zuerst klären. Wer sie nicht geklärt hat, fühlt sich unfertig und lässt sie deshalb ganz liegen.
Die GTD Horizonte sind keine Bauanleitung, sondern eine Prüfreihenfolge
Das Bild, das den Schaden anrichtet, ist die Pyramide. Unten die Ebene, auf der du stehst: nächste Schritte, Kalender, der laufende Tag. Darüber fünf Höhen, von den Projekten über Verantwortungsbereiche und Ziele bis zur Vision und zu der Frage, worum es dir grundsätzlich geht. Gezeichnet wird das von oben nach unten, und genau so wird es gelesen: als Reihenfolge, in der man das Ding aufbaut.
Es ist keine Bauanleitung. Es ist eine Prüfreihenfolge. Die Höhen über deinen Projekten stellen im Kern eine einzige Frage, nämlich ob das, was du gerade tust, in die Richtung läuft, in die du willst. Eine Prüffrage braucht ein Objekt. Wenn unten nichts läuft, prüfst du Nebel.
Ausnahmen gibt es. Ein Kollege hatte einmal einen Klienten, einen Priester, der mit einem dicken Buch handschriftlicher Notizen ankam: alles, was er für sich und seine Gemeinde vorhatte, seit Jahren ausformuliert. Bei ihm war der Einstieg von oben sinnvoll, weil oben schon etwas stand.
An der Stelle würde ich der bequemen Erklärung widersprechen. Der Grund, unten anzufangen, ist nicht, dass die meisten Menschen keine ausformulierte Vision haben. Der Grund ist, dass jede Entscheidung, die du oben triffst, unten ankommen muss, sonst bleibt sie folgenlos. Auch der Priester mit dem vollen Buch braucht eine funktionierende Liste. Sonst bleibt seine Vision genau das: ein volles Buch.
Vier Mal warum, von der Haustür bis zur Vision
Der Weg nach oben ist kürzer, als die meisten glauben. Du brauchst keine Klausur und keine drei Wochen im Kloster. Du brauchst eine bestehende Liste und eine Frage: warum.
Nimm einen Punkt, der dich schon länger anschaut, und stell ihm die Frage vier Mal hintereinander. So eine Kette sieht dann zum Beispiel so aus.
| Höhe | Die Frage, die sie beantwortet | Antwort im Beispiel |
|---|---|---|
| Nächster Schritt | Was tue ich konkret? | Haustür streichen |
| Projekt | Welches Ergebnis will ich? | In einem schönen Haus wohnen |
| Bereich | In welchem Teil meines Lebens spielt das? | Wohnen |
| Ziel | Was soll dort in ein paar Jahren anders sein? | Ein Haus, das kaum noch Arbeit macht |
| Vision | Wovon ist das ein Teil? | Im Alter ein Zuhause, auf das ich mich verlassen kann |
Wer methodisch genau hinsieht, entdeckt in der zweiten Zeile sofort ein Problem. In einem schönen Haus wohnen ist kein Projekt. Da kommt nie ein Haken dran, das ist ein Zustand.
Genau darin liegt der Wert der Übung. Die erste Warum-Frage landet bei sehr vielen Aufgaben nicht auf einem Projekt, sondern direkt auf einem Bereich. Das ist keine Panne, das ist ein Befund: Die Aufgabe hängt an keinem Ergebnis, sie hängt an einem Anspruch, den du an diesen Teil deines Lebens hast. Bei einzelnen Aufgaben ist das völlig in Ordnung. Wenn aber die halbe Liste so aussieht, arbeitest du an Zuständen statt an Ergebnissen, und deshalb fühlt sie sich an, als würde sie nie kürzer.
Die einzige Höhe, auf der nie ein Haken drankommt
Paul Martin hat mir zu diesem Bild die beste Frage gestellt, die ich dazu kenne: Warum stehen die Ziele über den Verantwortungsbereichen, wenn die Bereiche doch der Raum sind, in dem die Ziele überhaupt stattfinden? Müsste man die beiden Ebenen nicht tauschen?
Die ehrliche Antwort zur Reihenfolge lautet: weil sie in der Methode so definiert ist. Die bessere Antwort ist, dass die Frage einen Fehler im Bild aufdeckt. Ein Bereich ist gar keine Etage, er ist eine Spalte. Zeichne die Bereiche als senkrechte Striche durch die ganze Pyramide, und es stimmt wieder: Familie, Gesundheit, Beruf und Finanzen haben jeweils ihre eigenen nächsten Schritte, ihre eigenen Projekte, ihre eigenen Ziele und ihren Anteil an deiner Vision.
Daran hängt ein praktischer Unterschied. Ein Bereich ist die einzige Höhe, auf der nie irgendwo ein Haken drankommt. Ein nächster Schritt ist irgendwann erledigt, ein Projekt abgeschlossen, ein Ziel erreicht. Ein Bereich ist ein Teil deines Lebens, in dem du einen Standard halten willst, und der ist nie fertig. Deshalb ist auch die Frage eine andere. Bei einem Ziel fragst du, ob du es erreichst. Bei einem Bereich fragst du, ob hier gerade etwas läuft, das dir wichtig ist.
Im Coaching gibt es dafür das Rad des Lebens: ein Kreis, in Lebensbereiche geteilt, jeder Bereich danach eingefärbt, wie voll er sich gerade anfühlt. Am Ende schaut man auf ein Rad, das keines ist, sondern zackig. Wenn du deine Projekte und Ziele nach Bereichen sortierst, bekommst du dieselbe Information ohne Buntstifte, weil du Bereich für Bereich siehst, wo seit Monaten nichts passiert.
Ein leerer Bereich ist dabei kein Vorwurf. Ich habe immer wieder Bereiche, in denen eine Zeit lang gar nichts läuft. Das ist eine Entscheidung, keine Lücke. Der Unterschied ist nur, dass ich sie einmal im Quartal bewusst treffe.
Nach oben denken heißt, unten etwas zu ändern
Die Warum-Kette ist die halbe Arbeit. Die andere Hälfte ist der Rückweg.
Vor Jahren haben sich meine Freunde beschwert, dass sie nichts von mir hören. Sie hatten recht, ich war schlecht darin. Heute fragen mich dieselben Leute, wie ich das eigentlich mache, permanent mit allen in Kontakt zu sein. Die Lösung ist unspektakulär: In jedem Wochenrückblick steht die Frage, wen ich am längsten nicht gehört habe, und der landet auf meiner Anrufliste. Ein Bereich, der mir wichtig ist, hat sich in eine wiederkehrende Frage übersetzt, die jede Woche einen konkreten Namen ausspuckt.
Das ist der Test für jede halbe Stunde, die du oben verbringst. Wenn danach kein Projekt entstanden, keines gestrichen und keine wiederkehrende Frage dazugekommen ist, war es nettes Nachdenken.
Und die Ergebnisse brauchen einen Ort. Wenn Bereiche und Ziele in einem eigenen Dokument liegen, das du zweimal im Jahr öffnest, existieren sie in deinem System nicht. Sie gehören dorthin, wo dein Rückblick ohnehin hinsieht, direkt neben die Projekte. Sonst gewinnt jedes Mal das Dringende.
Der Quartalsrückblick ist kürzer als der Wochenrückblick, nicht länger
Der Wochenrückblick fragt, ob dein System noch mit deiner Realität übereinstimmt. Du gehst durch die Kontextlisten, du gehst durch die Projekte, und bei jedem prüfst du, ob ein nächster Schritt festgehalten ist. Der Quartalsrückblick fragt umgekehrt, ob deine Realität noch mit deinen Zielen übereinstimmt.
Deshalb dauert er kürzer. Ich sehe mir darin keinen einzigen nächsten Schritt an, sondern nur Projekte, Ziele und Bereiche, und ich frage mich pro Bereich, ob gerade das läuft, was mir wichtig ist, oder ob ich bloß Aufgaben vorantreibe. Der Wochenrückblick hat bei mir einen festen Platz am Freitag. Der Quartalsrückblick ist eine wiederkehrende Aufgabe alle drei Monate, und die darf auch mal eine Woche liegenbleiben, bis ich zu Hause bin und Ruhe habe. Bei ihm lasse ich mit der Härte bewusst nach, weil er den falschen Raum nicht verträgt.
Woran es typischerweise scheitert
- Die Höhen leben außerhalb des Systems. Bereiche und Ziele in einer separaten Notiz, einem Whiteboard oder einer Präsentation. Der Rückblick sieht dort nie hin, also passiert dort nie etwas.
- Oben denken, unten nichts ändern. Nach der Warum-Kette entsteht kein neues Projekt und wird keines gestrichen. Dann war die Übung ein Gefühl, kein Ergebnis.
- Der Quartalsrückblick wird wie ein großer Wochenrückblick geplant. Wer einen halben Tag dafür einplant, findet ihn nie. Rechne mit einem Bruchteil, weil du eine ganze Ebene auslässt.
- Alle Bereiche auf einmal. Damit wird aus der Übung ein Projekt, und das Projekt wandert auf Irgendwann-Vielleicht. Nimm dir einen Bereich vor, mehr nicht.
- Der leere Bereich wird als Versagen gelesen. Ein Bereich ohne laufendes Projekt ist erst dann ein Problem, wenn du ihn nicht bewusst leer gelassen hast.
Häufige Fragen
Muss ich die GTD Horizonte von oben nach unten aufbauen?
Nein, für die meisten Menschen ist der Weg von unten nach oben der praktikable. Die Ebene der nächsten Schritte und Projekte existiert bereits, und die Höhen darüber sind Prüffragen, die etwas zum Prüfen brauchen. Von oben zu starten lohnt sich nur, wenn oben bereits ausformuliertes Material liegt.
Was ist der Unterschied zwischen einem Verantwortungsbereich und einem Ziel?
Ein Verantwortungsbereich ist der Raum, in dem etwas stattfindet, ein Ziel ist ein Ergebnis darin. Der Bereich Familie ist kein Ziel, er wird nie erreicht und nie abgehakt, er beschreibt einen Standard, den du halten willst. Ein Ziel in diesem Bereich hat dagegen einen erkennbaren Zustand, an dem du merkst, dass du dort angekommen bist.
Wie lange dauert es, einen Verantwortungsbereich einmal durchzudenken?
Setz dir eine halbe Stunde pro Bereich und nimm dir nur einen vor. Viele schieben die Arbeit an den oberen Höhen jahrelang auf, weil sie eine mehrtägige Klausur dafür erwarten. Nach einer halben Stunde weißt du in der Regel, ob in diesem Teil deines Lebens gerade etwas läuft, das dir wichtig ist.
Wie unterscheidet sich der Quartalsrückblick vom Wochenrückblick?
Der Wochenrückblick gleicht dein System mit deiner Realität ab, der Quartalsrückblick deine Realität mit deinen Zielen. Im Wochenrückblick gehst du bis auf die Ebene der nächsten Schritte hinunter, im Quartalsrückblick betrachtest du nur Projekte, Ziele und Bereiche. Dadurch ist der Quartalsrückblick der kürzere von beiden.
Was mache ich mit einer Aufgabe, die auf die Warum-Frage keine Antwort hat?
Dann hat sie keinen Ort in deinem System, und das ist ein brauchbares Ergebnis. Entweder du streichst sie, oder sie gehört auf die Irgendwann-Vielleicht-Liste, weil sie ein Wunsch ist und keine Verpflichtung. Beides ist besser, als sie weitere Monate zwischen echten Verpflichtungen mitzuschleppen.
Nimm dir am Wochenende einen einzigen Bereich vor, am besten einen der leisen: Freunde, Weiterentwicklung, Zuhause. Eine halbe Stunde, ein Blatt Papier, vier Mal die Frage warum. Wenn am Ende ein neues Projekt dasteht oder ein altes durchgestrichen ist, hat die Höhe unten etwas verändert, und genau dafür ist sie da.
Die oberen Höhen scheitern selten am Nachdenken. Sie scheitern daran, dass Bereiche und Ziele keinen Platz im System haben, an dem der Rückblick sie überhaupt findet. Genau das richte ich beim Workflow-Setup mit ein, von den Kontextlisten bis zu den Ebenen darüber. Schreib mir, wenn dein System unten sauber läuft und oben nichts angeschlossen ist.
Themen: Getting Things Done, Horizonte, Areas of Responsibility, Wochenrückblick